Schlicht-Ausführung [AMS 11 Mai 1968]
Dem StuttgarterAutotester Reinhard Seiffert erschienen die neuen Ford-Wagen
wie ,Qualität im Schlafrock'. Hätte er versucht, einen Ford zu kaufen,
so hätte er gesagt: Ford in Schlafrock und Filzpantoffeln.
Anders kann ein Ford-Kunde nicht mehr denken, der zu der Zeit, als Ford in Deutschland
50000 unverkaufte Wagen auf Halde stehen hatte, dreiundfünfzig Tage auf
Lieferung warten mußte. Im vorliegenden Falle wurde am 5. Februar ein
Vertrag über einen 12 M ohne die sogenannte ,Zusatzausstattung' abgeschlossen.
Leider war das Autohaus Fischer in Essen nicht in der Lage, ein solches Fahrzeug
vorzuführen. Der Vertreter riet sofort zum 20 M, wohl nicht ganz realisierend,
daß der Interessent nicht ohne Grund einen 12 M und nicht einen Wagen
der Mercedes-Klasse ins Auge gefaßt hatte. Die Bestellung des 12 M nahm
der Vertreter unfreundlich und mit der Bemerkung entgegen, in Essen sei seit
einem Jahr solch ein einfacher Ford nicht mehr gekauft worden. Auf Lager sei
er ebenfalls nicht, und außerdem würden in Deutschland nur Autos
mit Radzierringen (von der Ford-Werbung mittlerweile als ,Unzierrat' apostrophiert)
und allen anderen, zur ,Zusatzausstattung' gehörenden Nichtigkeiten im
Werte von rund dreihundert Mark gewünscht und gefahren. Mit anderen Worten:
Der Ford ohne Extras mußte extra angefertigt werden. Lieferzeit war nicht
vorauszusagen. Damit begann, gewissermaßen als Strafe für die extravagante
Sparsamkeit des Kunden, die Behandlung im Schlafrock durch alle Instanzen der
Ford-Betriebe; zunächst vergaß der Vertreter, der beim Vertragsabschluß
versichert hatte, er würde die Bestellung umgehend nach Köln durchtelefonieren,
in den drauffolgenden zwei Wochen, den Auftrag weiterzugeben. Dies stellte sich
heraus, nachdem wir uns in einiger Ungeduld mittlerweile direkt an Ford-Köln
gewandt hatten, um nachzufragen, wie lange die Produktion eines 12 M Standard
dauert und warum ein solches Fahrzeug in einem Lager von 50 000 Stück nicht
enthalten ist. Die Antwort lautete: Sofern die Extraanfertigung eines 12 M ohne
Extras vor dem 16. 2. bestellt gewesen sei, müßte sie im ersten Märzviertel
ausgeliefert werden. Unser Wagen war von uns am 5. 2. bestellt worden. Am 8.
3. indessen wurde offenbar, daß unser Wagen erst am 15. 3. gebaut würde.
Übergabe wurde für den 18. 3. zugesichert, am 19. 3. hieß es,
der Spediteur sei nicht gekommen, am 20. 3. wurde mitgeteilt, der Wagen sei
nunmehr gebaut und man warte auf einen Spediteur, mit Sicherheit dürften
wir das Fahrzeug am 26. 3. morgens um 10 Uhr vor der Haustür erwarten.
Eine Stunde vor diesem Termin wurde telefonisch erklärt, der Wagen sei
doch noch nicht gebaut, und es sei nicht abzusehen, wann er überhaupt mal
gebaut würde.
Demnach hatten alle bisherigen Behauptungen des Autohauses Fischer nicht der Wahrheit entsprochen. Außerdem wich Köln der Frage, warum ein 12 M Standard nicht auf Lager sei, reichlich unsachlich mit der Mitteilung aus, ein 12 M sei doch lieferbar, sofern wir uns entschließen könnten, ein Fahrzeug vom Lager mit Zusatzausstattung - also teurer - zu nehmen. Auf diese Weise drängt sich der Eindruck auf, daß im Hause Ford noch immer ähnliche Grundsätze wie die herumgeistern, die den alten Henry Ford einmal sagen ließen: Ich liefere meine Autos in jeder Farbe, vorausgesetzt sie ist schwarz. Ford liefert im Jahre 1968 aus einem imponierend reichhaltigen Typenprogramm jedes Katalogfahrzeug, vorausgesetzt, es hat die im Katalog nicht aufgeführte .Zusatzausstattung". Auf diese Weise können die Händler den wirklich eiligen Kunden zur Extraausgabe erpressen, so daß Werk, Händler und Vertreter mehr verdienen, und auf der anderen Seite werden die sparsamen Kunden mit langen Lieferfristen bestraft, wobei in sehr kurzsichtiger Weise übersehen wird, daß der Kunde dieser Alternative ausweichen und zur Konkurrenz gehen kann.
Wenn der zweitgrößte Autoproduzent der Welt allein in Köln 50
000 Autos auf Halde hat, die jeder Kölner auf zahlreichen Plätzen
rosten sehen kann, und wenn unter diesen 50 000 nicht ein einziger 12 M Standard
laut Katalog zu finden ist, so hat Ford falsch disponiert. Und wenn das Werk
den Händlern glaubt, die fälschlich und eigennützig immer wieder
behaupten, daß nur die Luxusausführungen verkäuflich seien,
so läßt sich das Werk falsch informieren, denn tatsächlich ist
der 12 M eine reizvolle Alternative zu diversen Kleinwagen, und er würde
in einfacher Aufmachung viele Interessenten finden, die aber aus wirtschaftlichen
Gründen auf die Extras verzichten und lieber beim Volkswagen bleiben als
für unbestimmte Zeit zu warten. Auch hier findet sich wieder eine Erklärung
dafür, daß Ford im Jahre 1967 mit 18% am Rückgang der Neuzulassungen
in Deutschland beteiligt war.
Diese Beobachtungen, die mit der Qualität der Ford-Wagen nichts zu tun
haben, lassen die Vermutung zu, daß es bei Ford an einer Koordinierung
zwischen Produktion und Absatz fehlt. Der Händler, der grundsätzlich
nur eine nachgeordnete Instanz im Autogeschäft sein sollte, interessiert
sich nur für die Unterschrift des Kunden und für den Scheck; sobald
ein Kaufvertrag zustande gekommen ist, wird der Kunde fallengelassen wie eine
heiße Kartoffel, ja, der Händler nimmt sich sogar die Freiheit, die
Bestellung zu vergessen. Daraus ergibt sich, daß das Werk falsch beraten
ist, wenn es sich auf die Zuverlässigkeit und die Dynamik der Händler
verläßt und ihnen obendrein noch mit extrem großen Spannen
eine Art von Rentnerdasein zuschustert.
© Louise Merguet, Essen