Test
VW 411 [23. November
1968]
In den bisherigen VW- Testberichten umgingen Sie das Thema Luftkühlung
meist mit Formulierungen wie: Die sonstigen Nachteile der VW-Konzeption sind
bekannt und brauchen an dieser Stelle nicht weiter diskutiert zu werden. Dem
kritischen Leser mußten solche Bemerkungen als eine Verbeugung vor Wolfsburg
erscheinen. Oder es entstand der Eindruck, es dürfte nur das kritisiert
werden, was die Wolfsburger ohnehin bereit zu ändern waren. Sie weisen
nun auch in diesem Testbericht nur auf das Innengeräusch hin. Damit umgehen
Sie aber den wesentlichen Nachteil dieser luftgekühlten Boxer: die unangenehme
Geräuschentwicklung von der Auspuffseite her, ganz besonders deutlich hervortretend
beim scharfen Beschleunigen (Anfahrvorgang) im Stadtverkehr, der ja weitgehend
aus Anhalten und Anfahren besteht. Da kann es dem VW-Fahrer nur recht sein,
daß er durch die Heckmotoranordnung .dem Geräusch davonfährt,
wie Sie schreiben. Die von Ihnen stark kritisierten Zweitakter ließen
ihre unangenehme Seite auch zum größten Teil die Nichtbesitzer spüren.
In noch weit stärkerem Maße ist dies beim VW der Fall. Wenn Sie als
Fachzeitschrift die Außengeräusche weiterhin vollkommen ausklammern
wollen (siehe Bemerkung im Artikel" Testen" auf Seite 44 in Heft 22),
dann bleibt die Frage offen, wer es denn sonst tun sollte! Daß die Vorschriften
nach § 49 StVZO nicht ausreichen, beweist die Existenz der vielen lauten
Volkswagen, die mit ihren heulenden und rasselnden Auspuffgeräu- schen
das akustische Verkehrsbild beherrschen. Außerdem ist die Messung nach
Phon überholt, da die Frequenzen in erster Linie die Lästigkeit der
Geräusche bestimmen. So ist es kein Geheimnis, daß hohe Töne
vom menschlichen Ohr eher als störend empfunden werden. Daß es auch
VW-Fahrer gibt, die um diese negative Seite wissen und sie als Mangel empfinden,
zeigt eine Zuschrift in Heft 13/66, in der ein Schwede seinen VW vorführt
mit aufgeschobenen und 90 Grad abgewinkelten Auspuffrohren: Der Wagen bekam
dadurch einen sehr leisen, dumpfen Ton. Hat das VW-Werk auf diesem Gebiet wirklich
schon das Optimale erreicht? Oder bedarf es erst einer massiven und in der Offentlichkeit
entsprechend publizierten Kritik, daß man diesen Mangel beseitigt? Es
grenzt an ein Wunder, daß die doch sonst so findigen und cleveren Werbeleute
der Konkurrenzfirmen diesen so ganz spezifischen VW-Nachteil bisher in ihrer
Werbung vollkommen unberücksichtigt gelassen haben. Oder was würde
passieren, wenn die Amerikaner, deren Wagen fast ausnahmslos wassergekühlte
Motoren haben, in ihren Zulassungsbestimmungen bestimmte Frequenzgrenzen festsetzen
würden, ähnlich den scharfen Bestimmungen für giftige Abgase?
Bei der Innenraumdämpfung hat man bestimmt sehr viel getan. Es wäre
interessant, wie leise und angenehm ein wassergekühlter Reihenvierzylinder
in einem VW seine Arbeit verrichten würde. Erst solch ein Versuch würde
untermauern, daß der luftgekühlte Boxer ein Anachronismus ist. Von
den VW-Käufern kann man nach den Erfahrungen der letzten 20 Jahre kaum
erwarten, daß sie durch entsprechende Zurückhaltung das Werk zu einer
Änderung veranlassen werden. Sie haben sich mit ganz anderen Nachteilen
abgefunden, die bei anderen Wagen nie verziehen würden. Sicher ist jedenfalls,
daß die Volkswagen nicht we- gen ihrer Nachteile gekauft werden, sondern
obwohl sie diese haben. Das VW-Werk dagegen macht in seiner Werbung aus der
VW-Konzeption einen Mythos. Es ist wtrklich schade, daß die größte
und fertigungstechnisch beste Autofabrik Deutschlands ihr Können am falschen
Objekt beweist - und das auf Jahrzehntel
© Georg Wenzlaff, Frankfurt
Ich stimme ziemlich mit Ihnen über die Ergebnisse überein. Über
die Form des Wagens brauchen wir nicht zu reden: Sie ist im Stil vom 1600 TL
gebaut. Der Kofferraum hat mich ein wenig enttäuscht. Da wird in Prospekten
alles angepriesen, was hineingeht. Ihrer Messung über den Inhalt von 30,5
Styropor-Würfeln schenke ich am meisten Glauben. Reinhard Seiffert muß
ich ein kräftiges .Dreimal hoch" zuteil werden lassen.
©
Fritz Schmiletzky, Wiesbaden
Ich bin langjähriger VW-Freund und kenne die Vorzüge des Volks- wagens
- und natürlich auch seine unbestreitbaren Nachteile. Ebenso bin Ich mit
dem VW 411 bestens vertraut, und ich kann nur meinen ersten Eindruck bestätigen,
daß dies ein ganz hervorragendes Automobil für gehobene Ansprüche
ist, das einen Ford oder Opel der gleichen Preisklasse in den Schatten stellt.
Im Gegensatz zu Leser Franke behaupte ich, daß es dem Volkswagenwerk gelungen
ist, mit einem maximalen Aufwand an Entwicklungs- und Fertigungstechnik das
richtige Auto zu bauen, nämlich das richtige Auto für den Volkswagenfahrer
mit gestiegenen Ansprüchen. Gewiß, über die Form läßt
sich streiten, die lange .Schnauze. ist ungewöhnlich, aber auf jeden Fall
zweckmäßig: denn so ist es dem VW-Werk gelungen, einen wirklichen
Kofferraum zu schaffen, nach dem alles rief. Die Straßen- und Kurvenlage
ist ebenfalls sehr gut. Was verlangen denn Ihre Leser vom Volkswagenwerk? Es
mag venarrt klingen, aber ich kenne kaum einen Wagen um 8000 DM, der so ausgereift
und vernünftig ist wie der 411. Gönnt man dem Volkswagenwerk denn
die Erfolge nicht mehr?
© Klaus Soden, Duisburg